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Die gute alte Gesellschaft


Ja ja, kennt ihr auch die gute alte Gesellschaft, die immer wieder ins Fettnäpfchen tritt, wenn es um das Thema „schwanger werden“ geht? Die Gesellschaft, die manchmal sehr unsensibel sein kann, weil sie es nicht besser wissen? Die, die, meiner Meinung nach, mehr über dieses Thema aufgeklärt werden sollte? Wo soll ich nur anfangen?


Vorab: Das was jetzt kommt, sind meine Erfahrungen, meine Sichtweise, also nicht das ihr denkt, das ich komplett ALLE in eine Schublade stecke. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. 😉

Es geht sehr oft darum, das man sich Akzeptanz erwartet. Nicht immer Verständnis, aber Akzeptanz. Sich zum Thema „künstliche Befruchtung“ Verständnis zu erwarten oder zu erhoffen, finde ich nicht immer passend, denn…
Man darf nicht immer von Personen, die nicht in der selben Situation sind, erwarten das sie Verständnis für einen aufbringen möchten bzw. können. Aber warum müssen wir uns trotzdem immer rechtfertigen, wenn wir nicht sofort schwanger werden?

„Kleines Beispiel“

Man war gerade beim Arzt, egal in welchem Stadium im Zuge einer künstlichen Befruchtung, und bekam eine schlechte Nachricht. Zum Beispiel: die Follikel sind nicht weiter gewachsen oder bei der Punktion konnten keine brauchbaren Eizellen ergattert werden.
Ich glaube das, genau in solch einer Situation, die meisten sich erst mal verkriechen möchten um diese schlechte Nachricht etwas zu verarbeiten. Wäre nun zB. eine Party bei Freunden, bei der im schlimmsten Fall sogar eine Hochschwangere wäre, möchte man doch unter keinen Umständen dort hin. Und jetzt kommt der springende Punkt. Wie die wohl über dich reden werden, wenn du da nicht auftauchst oder sogar wieder gehst??? Zumindest die, die von eurem „Baby-Projekt“ wissen.
Da fallen mit Sicherheit Kommentare wie „Was hat sie denn jetzt schon wieder?“ oder „Soll sich doch nicht so anstellen, ein wenig Gesellschaft würde ihr gut tun.“.

Und damit kommen wir wieder auf das Thema Akzeptanz zurück. Man muss sich um Himmels Willen nicht dafür rechtfertigen, wenn es einem schlecht geht, oder? Wenn man zu Hause bleibt, weil man krank ist, sagt jeder „Gute Besserung“, aber wenn es um „seelischen Schmerz“ geht, darf man nicht allzu viel erwarten. Es kann keiner nachfühlen, wie es einem in so einer Zeit geht, aber wenn man sich etwas zurückziehen möchte, möchte man keinen gutgemeinten Ratschlag hören, sondern einfach nur das man akzeptiert das es einem gerade nicht so gut geht. PUNKT.

Die, die nicht in der Kinderwunschzeit, der Hormonspritzen, der Eizellenentnahme usw. stecken, haben absolut keine Ahnung was man da alles durchmacht. Das ist auch logisch. Aber: Wenn dieses Thema mehr publik wäre, würden die Menschen auch mehr Akzeptanz an den Tag legen. Ich habe es eigentlich sehr vielen erzählt, das ich auf natürlichem Wege nicht schwanger werden kann. Denn warum sollte ich mich dafür schämen. Ich sehe keinen Grund. Jetzt denkt ihr sicher „Warum ist sie dann anonym?“ Das hat einen einfachen Grund, den viele kennen. Wegen der Arbeit. Wie das ja viele kennen, wird man in der Zeit von „ich plane ein Kind“ etwas paranoid. *lach* Es könnte ja irgendjemand, der irgendjemand kennt, der wiederum jemand aus deiner Arbeit kennt, etwas erzählen. *schmunzelt* Also mache ich das einfach anonym, vorerst, und gut ist. 😉

„Kaum wird geheiratet…“

Wie die Geier wartet sie darauf, bis man endlich einen Partner gefunden und geheiratet hat. Und „Zack“ hat man geheiratet, kommt schon der erste Kommentar „So, da wird aber jetzt bald jemand schwanger!“ Was soll das denn bitte? In was für einer Gesellschaft leben wir? Darf nicht mehr geheiratet werden, ohne gleich danach ein Kind zu werfen (entschuldigt den Ausdruck)??? Die Hochzeit ist doch in der heutigen Zeit nicht mehr der ausschlaggebende Punkt für ein Baby. Im Gegenteil, die meisten Paare haben Kinder ohne verheiratet zu sein. Und warum wird man dann immer wieder danach gefragt. *kotz* Die Leute, die ständig nachfragen „Und, wann gibt’s endlich ein Baby“, die denken einfach nicht nach. Schade eigentlich. Keiner denkt nur ansatzweise an das, das es auch länger dauern kann.
Es wird einfach als selbstverständlich gesehen, gleich schwanger zu werden und das ist definitiv die falsche Sichtweise.

„NEIN, ES IST NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH!“

Ich bin der Meinung das man einfach die Gesellschaft sensibilisieren sollte. Und zwar genau auf dieses Thema, das nicht jeder nach einem Mal Sex schwanger wird. Im Gegenteil, es wird immer schwieriger, sofort oder generell auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Wenn ich an meinen Termin zur Eizellenentnahme denke und mir der Arzt sagte, das er jeden Tag mindestens fünf Frauen für diesen „Eingriff“ hier hat, dann wird mir echt etwas schlecht. Es sind soooo unfassbar viele Frauen, die in Kinderwunschkliniken behandelt werden. Aber warum wird das so totgeschwiegen? Warum wird nicht darüber gesprochen? 

Und wer hat leicht reden? Richtig! Genau die, die einmal mit ihrem Partner ins Bett steigen und sofort schwanger geworden sind. Genau die hab ich langsam echt gefressen. Dies sind leider auch die Paare, die die absolut supertollen Ratschläge und Kommentare abliefern. Und man darf es ihnen eigentlich nicht mal vorwerfen, denn die wissen es ja einfach nicht besser. Sie wissen nicht, wie es ist wenn man einfach nicht innerhalb von ein paar Monaten schwanger wird. Aber kann man nicht einfach etwas Mitgefühl erwarten? 

Und dann ständig, wo auch immer eine Schwangere oder Mami mit Baby auftaucht, wird erwartet mit einem übertrieben freundlichen Gesicht sie anzuhimmeln um anschließend zu sagen „Ohhhh wie süüüüüß!“ Und wehe man fragt nicht, ob man das Baby mal halten dürfte, oder wie es der Schwangeren so ergeht, denn genau dann wird man schräg angesehen und zum Teil als unmenschlich und unsensibel abgestempelt. Aber warum? Was soll das? Immer diese ätzende Erwartungshaltung. Nicht jeder findet Babys und Schwangere toll und springt sofort auf, wenn eine Mami mit einem Frischgeborenen den Raum betritt. 

„gewollt kinderlos wird verpönt, aber warum?“

Ach ja und dann war da noch das Thema mit dem „gewollt kinderlos sein“. JA, das gibt es! Paare die gerne kinderlos, besser ausgesprochen, kinderFREI bleiben möchten. Warum aber wird dies von der Gesellschaft so verpönt? Es sollte jeder für sich entscheiden dürfen, wie er sein Leben führen möchte. Und ich verstehe und akzeptiere das zu 100%, das viel eben keine Kinder möchten. Warum ich das verstehe? 
Ganz einfach: Ich wollte bis vor ca. drei Jahren auch keine Kinder. Ich war diesbezüglich zu egoistisch. Nicht egoistisch anderen gegenüber, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, meine heißgeliebte Zeit für ein Kind zu „opfern“.
Denn ganz ehrlich: Kinder kosten Geld, sehr viel Geld, Kinder kosten Zeit, manchmal auch Nerven, man macht sich viel Sorgen und hat eine große Verantwortung. Und genau diese Verantwortung wollte ich nicht übernehmen. Ich wollte noch die Welt sehen. Ja ja, ich weiß, jetzt kommt bestimmt wieder die klassische Aussage „Aber mit Kind kann man auch verreisen“. Ja klar, aber es ist einfach definitiv NICHT dasselbe. Punkt. Also verstehe ich die Paare die sich dafür entscheiden kinderfrei zu bleiben. Und das sollte auch OK sein. Oder?
Aber die Gesellschaft hackt genau auf denen herum mit zB. „Waaas? Ihr wollt keine Kinder?“ So schockiert wie die Leute immer sind, so schockiert bin ich darüber wie sie es nicht verstehen können, das es auch diesen Weg geben kann. Man sollte einfach genau das AUCH akzeptieren. Jeder kennt doch ein Paar, das keine Kinder hat und trotzdem oder gerade deswegen auch glücklich und zufrieden sind, oder?!

Ich würde mir einfach wünschen, das diesen Themen „künstliche Befruchtung“, „gewollt kinderfrei“ und „länger nicht schwanger werden“ mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Leider sprechen ganz viele Frauen nicht darüber und das ist eine zusätzliche psychische Belastung. Die Frauen, die länger nicht schwanger werden oder schon mitten in einer Kinderwunschbehandlung stecken, haben so oder so schon mit einem Gefühlschaos zu kämpfen. Und dabei lächelnd durch die Welt zu gehen ist nicht immer leicht. Und warum spricht man nicht darüber? Weil man einfach keine Lust hat, einem die ganze Situation zu erklären. Aber wenn diese Themen mehr publik gemacht würden, dann müsste man auch nicht so viel erklären. Dann würde vielleicht der Satz „Ich bin in einer Kinderwunschbehandlung“ reichen, und die Leute würden etwas Bescheid wissen, was das ist, wie es den Frauen meist geht, usw. Und somit akzeptieren, wenn man gerade nicht unbedingt unter die Leute gehen möchte.

Ein kleiner Anfang mit großem Effekt erzielen die Foren im WWW oder Instagram. Ich finde es klasse, das sich genau dort die Frauen austauschen können. Wenn schon nicht in der Öffentlichkeit, dann eben anonym im Netz. Ich habe gesehen, es gibt auch immer mehr Profile auf Instagram, die über die Themen aufklären. Das ist genau der richtige Weg.

Je mehr darüber informiert und gesprochen wird, desto mehr Akzeptanz und vielleicht auch etwas Verständnis bekommt man von der Gesellschaft.

Eure Naddy

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